Markt Steinwiesen Markt Steinwiesen
Hannes und die beiden Bastian (von links) schreien den Pfeffer-Tanz aus
"Gendarma" Max sucht das Bettelfraala "Noah"
Bastian liest die Bekanntmachung vor, unterstützt von seinen Adjutanten Bastian und Hannes

„Bettelfraala und Gendarma“ mischen Neufang auf

10.01.2020 In Verbindung mit dem Pfeffern gibt es in Neufang an Silvester eine weitere Tradition: „Bettelfraala und Gendarma“. Bei diesem wohl im Landkreis einmaligen Brauch wird auch der Pfeffer-Tanz „ausgeschrien“.

Fotos: Heike Schülein
„Gendarma“ Max packt „Bettelfraala“ Noah am Schlafittchen

Neufang - Während am letzten Tag im alten Jahr zauberhafte Blasmusik Neufang durchdringt, machen sich derweilen drei junge Herren in schmucken Anzügen und festlichen Zylindern auf ganz andere Art und Weise bemerkbar. Das Läuten einer Handglocke kündigt ein besonderes Ereignis an.

Ausschreier Bastian holt tief Luft, bevor er - unterstützt von seinen Adjutanten, dem anderen Bastian sowie Hannes - mit schon „etwas“ ramponierter Stimme den Neufichern eine hochoffizielle Bekanntmachung zu verlesen hat: „Es wird hiermit bekannt gemacht, dass am Samstag, den 11. Januar um acht Uhr im Feststoudl der sogenannte Pfefferhafer vertanzt und versoffen wird. Dazu sind herzlich eingeladen: alle tanzlustigen Jünglinge und Jungfrauen, wer sich am Pfefferhafer gut beteiligt hat und diejenigen, die den Ausschreiern mit reichlich Schnaps zur Hilfe eilen. Wenn der Hund keinen Tropfen Blut mehr gibt, dann ist es aus und wir gehen nach Haus.“ Mit todernster Miene setzen die Drei durch den Ortskern ihren Weg fort, bevor die Zeremonie aufs Neue beginnt.

Ebenso lautstark, wenngleich weitaus weniger förmlich geht es indes eine Straße weiter zu. „Könnt Ihr miech nier a weng Geld gejb für meina Gunga?“, bittet „Bettelfraala“ Noah mit piepsiger Stimme vorbeikommende Bürger um eine kleine Finanzspritze für ihr Dutzend „Kinne“, ohne „Vorre“ dazu. Kaum, dass einige Münzen in ihren Geldbeutel gewandert sind, muss die Zigeunerin mit dem schönen Namen Annamia schon wieder ihr Heil in der Flucht suchen. Wie von der Tarantel gestochen, stürzt nämlich der „Gendarma“ Max auf sie zu: „Hiergeblieben, Alta! Du wasst genau, dess bejdeln nier erlaubt is“, raunzt er die arme Frau an, die völlig verzweifelt ins nächste Haus stürmt. Der Gesetzeshüter setzt ihr erneut nach. Es dauert nicht lange, da hat er das Fraala wieder ausgemacht. Wutentbrannt stürmt er ihren Unterschlupf und führt sie nach draußen. Weder die Mitleidstour - „Ich brauch doch nur a weng Geld für meina Kinne!“ - noch die Waffen einer Frau, sprich ihre stattliche Oberweite, zeigen Wirkung. Völlig unbeeindruckt, zückt der „Gendarma“ seinen Block, um die Personalien der Bettlerin aufzunehmen. Diese nutzt jedoch einen unaufmerksamen Moment, wodurch ihr abermals die Flucht gelingt. Fuchsteufelswild rappelt sich der Gesetzeshüter auf und rennt ihr erneut hinterher: Das Duell geht in die nächste Runde!

In Neufang wird am 28. Dezember, dem „Tag der unschuldigen Kinder“, die Damenwelt gepfeffert. Dabei suchen die Pfeffera alle Häuser des Bergdorfes auf. Dort wollen sie durch das Hauen mit dem Pfefferstrauß - geschnittene Tannenzweige - auf die Beinrückseiten der Damen die bösen Geister fürs kommende Jahr vertreiben. In Verbindung damit gibt es im Ort auch die Silvester-Tradition „Bettelfraala und Gendarma“. An den Tag kommen die jungen Leute nochmals zusammen. Dann wird ausgemacht, welche zwei Kerle sich für diesen Brauch zur Verfügung stellen. Einer schlüpft in die Rolle einer Zigeunerin - sprich das „Bettelfraala“, das einen großen Korb zum Betteln bekommt. Der andere ist der „Gendarma“, der diese kraft seines Amtes vom Betteln abhalten möchte. Auch hier geht es von Haus zu Haus; jedoch nur im Ortskern. Der Besuch läuft immer gleich ab. Das „Bettelfraala“ geht in ein Haus, um zu betteln - natürlich nicht für ihre „Kinne ohne Vorre“, sondern für den Pfeffertanz. Der „Gendarma“ geht ins Nachbarhaus, um die Zigeunerin dort zu suchen. In den Häusern bekommen die Beiden nicht nur eine Spende für den Tanz, sondern oftmals auch Getränke und zu essen. Im dritten Haus stoßen die Beiden aufeinander und es kommt zur „Festnahme“.

Wie lange es diesen Brauch schon gibt, ist den Zuschauern nicht bekannt. Zum Pfeffern gehörte schon immer „Bettelfraala und Gendarma“ dazu. Beides gab es mit Sicherheit schon nach dem Krieg - vielleicht sogar schon vorher, wahrscheinlich hat man aber in den Kriegsjahren pausiert. Welche Bedeutung dahinter steckt, wissen sie ebenfalls nicht. „Das gab es schon immer und die Nächsten haben es gemacht, weil es die vor ihnen gemacht haben“, so der Tenor. Die Rollen „Bettelfraala“ und „Gendarma“ werden ausgelost, wenn sich kein Freiwilliger findet; heuer war Noah Winterstein sowie Max Förtschbeck das „Losglück“ hold. Das „Bettelfraala“ erhält eine dicke Portion Schminke, „schicke“ Frauenklamotten und eine XXL-Oberweite; der „Gendarma“ eine Uniform.

Zur gleichen Zeit an Silvester sind, ebenfalls lediglich im Ortskern, die Ausschreier - heuer Bastian Kolb, Bastian Brehm und Hannes Wich - unterwegs. Alle paar Meter bleiben sie stehen und schreien mit todernster Miene den Pfeffer-Tanz aus. Lachen oder Schmunzeln ist ihnen ausdrücklich verboten. Beide Bräuche nehmen mehrere Stunden in Anspruch. Mit dem „Pfefferhafer“ wird der Pfeffer-Tanz finanziert, dessen Erlös traditionell wohltätigen Zwecken insbesondere in Neufang zugutekommt. Dabei kommen alljährlich mehrere Tausend Euro zusammen. Der nächste Tanz findet am Samstag, den 11. Januar 2020 ab etwa 20 Uhr im Feststoudl statt. Einladung ergeht an die gesamte Bevölkerung. hs

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