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Engel der Poesie in der Johanniskirche

21.09.2020 Eine stimmungsvolle Symbiose aus Literatur und Musik erlebten die Besucher in der evangelischen St. Johanniskirche in Steinwiesen.

Foto: Privat
Ingo Cesaro las am Sonntag in der St. Johanniskirche in Steinwiesen insbesondere Engelgedichte vor

Steinwiesen. Ingo Cesaro las - zum Gedenken an die Todesmärsche 1945 - insbesondere einige seiner Engel-Gedichte. Hilmar Bauerfeind improvisierte hierzu an der Orgel.

Es ist heimeliges Kirchlein, das auf einer kleinen Anhöhe in Steinwiesen auf Besuch wartet. Das kleine - so freundlich und einladend wirkende - Gotteshaus war am sonnenverwöhnten Sonntagnachmittag erfüllt von innig-ergreifenden Gedichten, vorgetragen von ihrem Verfasser selbst, Ingo Cesaro. Es war aber auch erfüllt von herrlichen Orgelklängen, mit denen Hilmar Bauerfeind die wehmütigen Gedanken mit großem Einfühlungsvermögen klangmalerisch umsetzte.

„Mich riss ein Fremder gerade noch vor dem einfahrenden Zug zurück. Mein gestrauchelter Schutzengel schaffte es nicht mehr rechtzeitig. Als blutiges Bündel verflüchtigte er sich ….“ – Die fesselnde Literaturlesung mit Orgelimprovisationen und Andachts-Elementen wartete mit einer stimmigen Auswahl innig-ergreifender Engelgedichte auf, darunter auch „Mein unerreichbarer Schutzengel“. Zu hören waren dabei vor allem Gedichte aus dem Band „Aus dem Schatten der Engel“, das Engelgedichte aus 25 Jahren enthält. 150 seiner verfassten Engelgedichte sowie 120 Übersetzungen einzelner Gedichte in 21 Sprachen sind in dem Band gesammelt. Entstanden sind diese seit dem Supergau von Tschernobyl. Mit der Metapher Engel versucht der Schriftsteller, das „Unaussprechliche“ in Worte zu fassen - und gleichzeitig viel Raum für eigene Gedanken und Interpretationen zu lassen.

In der Johannes-Offenbarung heißt es - so Ingo Cesaro - im 7. Siegel und den ersten sechs Posaunen, Vers 10 und 11: „Es wird ein Stern vom Himmel fallen … und dieser Stern heißt Wermut, als Wermutstern“ - auf Russisch oder Ukrainisch - Tschernobyl, obwohl der Ort selbst erst 1196 erstmals urkundlich erwähnt wurde. „Tschernobyl war - neben den Kriegen - die größte Katastrophe der Neuzeit“, zeigte sich Cesaro noch immer erschüttert von dem Ausmaß, das nach Schätzungen, inklusive Spätfolgen, rund 15 Millionen Menschen das Leben kostete. Auf die ihm bis dato nicht bekannte Bedeutung von Wermutstern habe ihn damals ein russischer Kollege aufmerksam gemacht, nachdem Schriftsteller und Grafiker nächtelang Gedichte für eine Grafik-Text-Mappe zum ungeheuren Nuklear-Unglück zusammengestellt und nach einem passenden Titel gesucht hatten. „Kennst Du Deine Bibel nicht“, fragte er mich, erinnerte sich der Kulturvermittler.

Dass sich dieser meisterhaft auf das pointiert konzentrierte Umsetzen seiner Gedanken versteht, ist hinreichend bekannt. Gleichzeitig weiß er aber auch, diese sensibel vorzutragen: leise, behutsam, eindringlich! Zu hören waren beispielweise die Engelgedichte „Über alle Hürden“, „Eingemeißelt“, „Engelvergiftung“, „Fischträume“, „Im Schweigen wohnen Engel“ und „Tausend Engelszungen“.

„Ich schreibe immer wieder mal ein Engelgedicht. Aber derzeit beschäftigen mich einfach andere Dinge - wenn ich daran denke, wie viele Menschen täglich im Mittelmeer ertrinken, während wir nur relativ wenig dagegen tun“, prangerte er an. Im Februar dieses Jahres habe er einen Brief an den Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, geschrieben und ihn darin gefragt, wo die Ethik der Kirche geblieben sei.  Vor der Corona-Krise habe die evangelische Kirche Deutschland ein früheres Forschungsschiff zur Flüchtlingsrettung im Mittelmeer gekauft und entsprechend umgerüstet. Dann sei die Pandemie gekommen. Soweit er wisse, sei die „Poseidon“ nun aber tatsächlich im Einsatz. Den furchtbaren Geschehnissen widmete der Schriftsteller das Buch mit politischen Gedichten „In die Speichen greifen“, woraus er beispielsweise das gleichnamige Gedicht wie auch „Vor Malta“, „Beifang“, „Schreibtischtäter“ und „Ertrinke ich“ vortrug. Über die Corona-Pandemie habe er bislang zwei Gedichte verfasst. Hierzu soll es einen Band geben, der 2021 auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt wird.

Reflektiert wurden Cesaros tiefgängigen Gedankenvon Hilmar Bauerfeind auf der Orgel. Zwischen den Passagen hatten die Zuhörer so Zeit, die lyrische Poesie wirken zu lassen und sich darüber eigene Gedanken zu machen. Beiden dankte Pfarrer Dr. Hans-Peter Göll am Ende des tief beeindruckenden Kunst- und Kulturerlebnisses.

Wie der Pfarrer ausführte, habe er sich sehr gefreut, als Ingo Cesaro im vergangenen Jahr mit dem Vorschlag einer Gedichtlesung mit Orgel-Interpretationen - zum Gedenken an die Todesmärsche 1945 - auf ihn zugekommen sei. Die Auflösung der Konzentrationslager und ihrer vielen hundert Außenlager markiert die letzte schreckliche Phase des KZ-Systems in der Diktatur des Nationalsozialismus. Als die Front näher rückte, sollten die Häftlinge in andere Lager gebracht werden. Unter unvorstellbar grausamen Bedingungen wurden die Menschen durch die Gegend getrieben. Auch durch unsere Region im Frankenwald führten im Frühjahr 1945 einige dieser Todesmärsche, woran Christen nun 75 Jahre nach Kriegsende auf breiter ökumenischer Basis erinnern wollten. Bernhard Singer hatte mit viel Engagement für den 21. März einen Gedenkmarsch von Geroldsgrün in die Jubilate-Kirche geplant; der Lockdown dann aber fast all seine diesbezügliche Arbeit zunichte gemacht. „Nur eine Veranstaltung war gleich für Herbst vorgesehen“, so der Pfarrer - nämlich die nunmehrige Lesung mit begleitender bzw. interpretierender Orgelmusik.

Dessen so hoffnungsvoller Abschluss bildete das - gemeinsam von den Mitwirkenden wie Besuchern angestimmte - Lied „Freunde, dass der Mandelzweig“, das so gut zur Stimmung an diesem strahlend schönen Spätsommertag passte. hs

Kategorien: Kirche, Veranstaltungen