Markt Steinwiesen Markt Steinwiesen
Winter an der Ködel
winterliche Felder bei Nurn
Eingebettet in Schnee
Winterlicher Sonnenuntergang
Herrlicher Wintertag
Schneetürme auf dem Gartenzaun

Tradition

10.01.2018 „Bettelfraala und Gendarma“ mischen Neufang auf.

Neufang - In Verbindung mit dem Pfeffern gibt es in Neufang an Silvester eine weitere Tradition: „Bettelfraala und Gendarma“. Bei diesem wohl im Landkreis einmaligen Brauch wird auch der Pfeffertanz „ausgeschrien“.

Lautes Klingeln durchdringt an diesem Sonntagnachmittag den Ortskern von Neufang. Mit der idyllischen Ruhe im Bergdorf ist es mit einem Schlag vorbei, als sich drei hochoffizielle junge Herren in ihren schmucken Anzügen und festlichen Zylindern mit dem Läuten einer Handglocke bemerkbar machen. Die Neufiche eilen zusammen oder öffnen ihre Fenster. Mucksmäuschenstill hören sie zu, was ihnen die Ausschreier zu vermelden haben.

Deren Anführer Lorenz holt noch einmal tief Luft, bevor er mit „leicht“ lädierter Stimme lautstark die Mitteilung verliest. Unterstützung erhält er dabei von seinen Adjutanten Bastian und Jan, die das wichtige Dokument beziehungsweise eine große rote Laterne in die Höhe halten. „Es wird hiermit bekannt gemacht, dass am Samstag, den 13. Januar um acht Uhr im Feststoudl der sogenannte Pfefferhafer vertanzt und versoffen wird. Dazu sind herzlich eingeladen - erstens: alle tanzlustigen Jünglinge und Jungfrauen, zweitens: wer sich am Pfefferhafer gut beteiligt hat und drittens: diejenigen, die den Ausschreiern mit reichlich Schnaps zur Hilfe eilen. Wenn der Hund keinen Tropfen Blut mehr gibt, dann ist es aus und wir gehen nach Haus.“ Mit todernster Miene setzen die Drei ihren Weg fort, bevor die Zeremonie aufs Neue beginnt.


Bastian, Lorenz und Jan schreien den Pfeffer-Tanz aus

Weitaus weniger förmlich geht es derweilen einige Straßen weiter zu. Mit letzter Kraft sucht dort gerade „Bettelfraala“ Christopher Hilfe bei vorbeikommenden Bürgern. „Der „Gendarma“ is hinte mich her, helft mich!“ Noch bevor die Bürgerschaft reagieren kann, stürzt der besagte Gesetzeshüter auf die arme Frau zu, der gerade noch im letzten Moment die Flucht in das nächste Haus gelingt. „Hiergeblieben, Alta, du wasst genau, dess bejdeln nier erlaubt ist“, schreit er ihr hinterher. Es dauert nicht lange, da hat er das Fraala wieder ausgemacht. Wutentbrannt stürmt er deren Unterschlupf und führt sie nach draußen. „13 Kinne hou ich, devo acht, wu ich nier wass, wer de Vorre is. Des is fei nier so einfoch“, versucht sie es mit piepsiger Stimme auf die Mitleidstour, die leider nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Völlig unbeeindruckt zückt der „Gendarma“ seinen Block zwecks Aufnahme der Personalien: „Name, Geburtsdatum und Geburtsort?“ - „Ich haas Anna Mia, bin im Schützengroubn geborn, Achtzehnhundertundnuchwos. Dem Gesetzeshüter wird es zu bunt. „Souch, wie´s da hast und wenn da geborn bist“, schnauzt er die Zigeunerin an. „Ich brauch doch nur a weng Geld für meina Kinne!“, fleht dieselbige noch einmal mit ihrem strahlendsten Lächeln. Leider misslingt auch dieser Versuch. Gut für sie, dass sich genau in diesem Moment ein bekannter Neufiche Goalgetter zu den Zuschauern gesellt, der vom „Gendarma“ begrüßt wird. Die Zigeunerin nutzt diesen unaufmerksamen Moment, schlägt kurz auf ihren Kontrahenten ein und bringt ihn mit einem gekonnten Wurf zu Fall, bevor sie erneut ihr Heil in der Flucht sucht. Außer sich vor Wut, rappelt sich der zu Boden Gegangene auf und stürmt ein weiteres Mal der Bettlerin hinterher: Das Duell geht in die nächste Runde!

In Neufang wird am 28. Dezember, dem „Tag der unschuldigen Kinder“, die örtliche Damenwelt gepfeffert. Dabei suchen die Pfeffera alle Häuser des Bergdorfes auf. Dort wollen sie durch das Hauen mit dem Pfefferstrauß - geschnittene Tannenzweige - auf die Beinrückseiten der Damen die bösen Geister fürs kommende Jahr vertreiben. In Verbindung damit gibt es im Bergdorf an Silvester auch die Tradition „Bettelfraala und Gendarma“. An den Tag kommen die jungen Leute nochmals zusammen. Dann wird ausgemacht, welche zwei Kerle sich für diesen Brauch zur Verfügung stellen. Einer schlüpft in die Rolle einer Zigeunerin - sprich das „Bettelfraala“, das einen großen Korb zum Betteln bekommt. Der andere ist der „Gendarma“, der diese kraft seines Amtes vom Betteln abhalten möchte. Auch hier geht es von Haus zu Haus, jedoch nur im Ortskern. Der Besuch läuft immer gleich ab. Das „Bettelfraala“ geht in ein Haus, um zu betteln - natürlich nicht für ihre 13 Kinder, sondern für den Mitte Januar stattfindenden Pfeffertanz. Der „Gendarma“ geht ins Nachbarhaus, um die Zigeunerin dort zu suchen. In den Häusern bekommen die Beiden nicht nur eine Spende für den Tanz, sondern oftmals auch Getränke - in der Regel Hochprozentiges. Im dritten Haus stoßen die Beiden aufeinander und es erfolgt die „Festnahme“. Danach führt er sie vors Haus, wo die Schaulustigen zunächst Zeuge eines lustigen „verbalen Duells“ werden, bevor dann „schärfere Geschütze“ aufgefahren werden.


„Gendarma“ Christopher wird einen Moment abgelenkt - die Chance für „Bettelfraala“ Bastian zur Flucht

Wie lange es den Brauch in Neufang schon gibt, ist den Zuschauern nicht bekannt. Zum Pfeffern gehörte schon immer „Bettelfraala und Gendarma“ dazu. Beides gab es mit Sicherheit schon nach dem Krieg; vielleicht sogar schon vorher. Die Bedeutung wissen sie ebenfalls nicht. „Das gab es schon immer und die Nächsten haben es gemacht, weil es die vor ihnen auch gemacht haben“, so der allgemeine Tenor. Die Rollen „Bettelfraala und Gendarma“ werden ausgelost, wenn sich kein Freiwilliger findet. Das „Bettelfraala“ erhält eine dicke Portion Schminke, „schicke“ Frauenklamotten und weibliche Reize - sprich eine XXL-Oberweite.

Zur gleichen Zeit an Silvester sind auch - ebenfalls lediglich im Ortskern - die Ausschreier unterwegs. Alle paar Meter bleiben sie stehen und schreien mit todernster Miene den Pfeffertanz aus. Lachen oder Schmunzeln ist dabei ausdrücklich verboten. Die Drei waren an Silvester ab 13 Uhr; das „Bettelfraala“ und ihr „Gendarma“ ab 14 Uhr unterwegs. Beide Bräuche nahmen wieder mehrere Stunden in Anspruch, bevor die jungen Leute abends zur Silvester-Party ins Jugendheim luden. Mit dem „Pfefferhafer“ wird der Pfeffertanz finanziert, dessen Erlöse traditionell wohltätigen Zwecken insbesondere in Neufang zugutekommen. Dabei kommen alljährlich mehrere Tausend Euro zusammen. Der nächste Pfeffertanz findet am Samstag, den 13. Januar 2018 ab etwa 20 Uhr im Feststoudl statt. Einladung ergeht bereits jetzt an die gesamte Bevölkerung. hs

Kategorien: Sonstiges